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Epithetiker verhelfen Gesichtsversehrten zu neuem Lebensgefühl
Hamm/Münster (dpa/gms) - Epithetik heißt die Kunst der
Wiederherstellung von Gesichts- oder Körperteilen, die etwa durch einen
Unfall zerstört wurden. Und Epithetiker sind die Experten, die die
entsprechenden künstlichen Gesichtsteile in enger Zusammenarbeit mit
Fachärzten wie Gesichtschirurgen herstellen. Eine geregelte anerkannte
Ausbildung zum Epithetiker gibt es noch nicht. In der Regel sind es
Zahntechniker mit einer Zusatzausbildung - teilweise arbeiten auch
Maskenbildner in diesem Beruf. Ihre Arbeit kann den Menschen, denen sie
helfen, ein neues Lebensgefühl geben. Bei Gertrud Nowinek war das so. Vor 42 Jahren diagnostizierten die
Ärzte die dunkelbraunen Flächen auf der Bindehaut ihres linken Auges als
malignes Melanom. Für die damals 25-Jährige brach eine Welt zusammen.
Das Auge mitsamt dem Augenlid musste entfernt werden. Seit dieser Zeit
trägt Gertrud Nowinek eine so genannte Epithese - eine Art Prothese, die
das künstliche Glasauge umschließt und ihre Augenhöhle ausfüllt. Viele Jahre habe sie gebraucht, um sich daran zu gewöhnen, dass sie
nur noch mit einem Auge sehen konnte. Doch viel schlimmer als das
eingeschränkte Sichtfeld war die Tatsache, dass man ihr das künstliche
Auge fast sofort ansah. «Damals wurde die Epithese noch an der Brille
befestigt, das war nicht sehr schön und auch nicht komfortabel.» Sehr
unsicher sei sie gewesen und habe immer den Kopf zur Seite gedreht. «Es
hat lange gedauert, bis ich mich damit abgefunden hatte.» Heute geht es ihr gut mit ihrer aktuellen «Augen-Prothese» - nicht
zuletzt deshalb, weil die Epithesen seit 1994 mit Hilfe eines
Implantates in der Augenhöhle befestigt werden. Dafür wurden Schrauben
in der Augenhöhle verankert, auf die nun die Epithese magnetisch
«geklickt» wird. «So kann man die Epithese jeden Abend einfach abnehmen
und morgens wieder aufsetzen», sagt Gertrud Nowinek. Bis es soweit ist, sind einige Stunden an Arbeit erforderlich. Zunächst nimmt der Epithetiker einen Abdruck vom Gesicht des
Patienten beziehungsweise der betroffenen Stelle und fertigt ein
Positivmodell. Daraus entsteht dann in enger Abstimmung mit dem
Patienten die Epithese. «Mit Engagement und viel Akribie kann man ganz
tolle Sachen machen», betont Volker Schwipper, Epithetiker und Facharzt
für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie von der Fachklinik Hornheide in
Münster. Epithesen können ein Ohr sein, eine Nase oder auch ein Auge mit
Augenlidern. Bis zu drei Jahre kann eine aus Acryl oder Silikon
gefertigte Epithese halten - je nachdem, wie der Patient mit seinem
fremden Körperteil umgeht. Rund 2000 Euro kostet etwa ein künstliches
Ohr, bis zu 6000 Euro teuer ist eine Nase, für die ein Epithetiker eine
Woche Arbeit investieren muss. Die Arbeit ist dabei nicht immer einfach - und das nicht nur in
handwerklicher Hinsicht. Auch der intensive Kontakt zum Patienten kann
Kraft raubend sein. «Die Belastungen in diesem Beruf sind teilweise
enorm, man muss sich schon einen Schutzmechanismus zulegen und auch
abschalten können», bestätigt Schwipper. Denn die Krankengeschichten der Betroffenen sind zumeist tragisch und
schwerwiegend. Einem Gesichtsdefekt geht in 80 Prozent der Fälle eine
bösartige Tumorerkrankung voraus, lediglich bei 20 Prozent sind es
Brand- oder Unfallverletzungen sowie angeborene Fehlbildungen. Nicht in allen Fällen ist eine plastisch-operative Behebung der
Defekte möglich. Dennoch arbeitet ein Epithetiker Hand in Hand mit dem
Plastischen Chirurgen, mit dem er zumeist gemeinsam den Abdruck erstellt
und die Epithese teilweise mit Hilfe des Computers plant. Die Ausbildungsmöglichkeiten in Deutschland sind eher eingeschränkt.
«Aber wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass es offizielle Richtlinien
gibt und dass ein Epithetiker mehr Fortbildungsnachweise erbringen
muss», betont Schwipper. Eine Art Kontrollfunktion übt diesbezüglich die
Internationale Gesellschaft für Chirurgische Prothetik und Epithetik (IASPE)
mit Sitz im österreichischen Linz aus. Der 32 Jahre alte Jörn Brom aus Heidelberg arbeitet seit Jahren in
seinem Beruf. Für ihn spielt vor allem die künstlerisch-kreative
Komponente eine große Rolle. «Jeder Patient und jede Epithese ist völlig
anders, man muss sich täglich mit neuen Herausforderungen
auseinandersetzen,» sagt er. Für den ehemaligen Kunststudenten gibt es
keinen anderen Beruf mehr, in dem er arbeiten möchte: «Die Epithetik ist
meine größte Leidenschaft.»
Informationen: Internationale Gesellschaft für Chirurgische Prothetik
und Epithetik (IASPE), Krankenhausstraße 9, A-4020 Linz, Internet: » IASPE,
und
»Tulpe,
Verein zur Hilfe und Betreuung von Gesichtsversehrten
Informationen über die Ausbildung: Bundesagentur für Arbeit »Epithetiker/in
Claudia Belle, 2.4.2007
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*TIPP*
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