![]() |
|||
|
|||
Mission Alltag: Ergotherapeuten machen Patienten wieder selbstständigHamburg/Düren (dpa/gms) - Immer wenn der kleine Thomas
kommt, räumt Simone Baumgarten das Zimmer leer. Nur die Möbel dürfen
an ihrem Platz bleiben. Alles andere könnte den Jungen sofort
ablenken: Der Junge leidet unter dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.
Mehr als fünf Minuten Konzentration sind für ihn ein Krampf. Es die
Aufgabe von Ergotherapeutin Baumgarten, Thomas fit für die Schule zu
machen. Ergotherapeuten versuchen, ihren Patienten die
Selbständigkeit im Alltag zurückzugeben. Simone Baumgarten behandelt
Thomas mit einem Spiel - einem einzigen wohlgemerkt. «Ich muss seine
Aufmerksamkeit darauf lenken, weil er Reize nicht filtern und nicht
deuten kann, was wichtig ist und was nicht.» Sie arbeitet in einer
Praxis für Ergotherapie und ist Vorsitzende der Landesgruppe Hamburg
des Deutschen Verbands der Ergotherapeuten (DVE). Berufsanfänger
sollten sich darüber im Klaren sein, dass Ergotherapie an die
Substanz geht - beispielsweise bei der Behandlung von Behinderten,
Unfallopfern oder Schlaganfallpatienten, die Grundlegendes wie Essen
oder Waschen mühsam neu erlernen müssen. «Der Beruf kostet sehr viel
Kraft und ist wie alle therapeutischen Berufe auch für die Seele
sehr anstrengend», sagt Baumgarten. Großes Durchhaltevermögen
betrachtet auch Peter Lindner als eine für Ergotherapeuten
unentbehrliche Eigenschaft. «Wer aber die ersten drei bis fünf Jahre
übersteht, der bleibt auch in dem Beruf», sagt der Leiter der
Ergotherapieschule an den Rheinischen Kliniken in Düren
(Nordrhein-Westfalen). Ergotherapeuten arbeiten in Krankenhäusern,
Reha-Kliniken, Pflegeheimen, bei mobilen sozialen Diensten oder in
Praxen. Orthopädie, Unfallheilkunde, Rheumatologie, Psychosomatik,
Geriatrie oder Pädiatrie sind nur einige Beispiele der vielen
medizinischen Arbeitsbereiche. «Mindestens vier Pflichtpraktika
müssen die Schüler in diesen funktionellen Bereichen absolvieren»,
sagt Lindner. Nicht zuletzt aufgrund der Vielzahl der möglichen
Aufgaben dauert die Ausbildung an einer der rund 130 privaten und 40
staatlichen Ergotherapieschulen in Deutschland drei Jahre. An den
meisten Schulen müssen die Azubis bis zum staatlich anerkannten
Abschluss monatlich ein Schulgeld zahlen. «Das kann von 30 Euro
Materialgeld bis zu 600 Euro und mehr gehen», sagt Baumgarten. «An
den Schulen, die wenig oder nichts kosten, ist es schwierig, einen
Platz zu bekommen.» Als öffentliche Einrichtung erhebt
beispielsweise das Institut in Düren kein Schulgeld. «Wir haben bis
zu 800 Bewerbungen für 20 Plätze, weil wir nichts kosten», sagt
Lindner. Formal reicht die Realschule oder ein Hauptschulabschluss
und eine abgeschlossene zweijährige Berufsausbildung, um an einer
Berufsfachschule aufgenommen zu werden. Fachliche Erfahrung ist aber
ein Pluspunkt - sei es die Pflege von behinderten Verwandten oder
der Kontakt mit alten Menschen im Zivildienst. «Wir schauen uns sehr
gründlich an, wie der Bewerber seinen Berufswunsch begründet»,
erklärt Lindner. Auch gute Noten in sozial- und
naturwissenschaftlichen Fächern können von Vorteil sein. Neben
Einzelgesprächen sind in Düren ein Intelligenz- sowie ein
Persönlichkeitstest und Gruppengespräche Teil des Auswahlverfahrens.
«Standardisiert für alle Schulen ist das allerdings nicht.» Ein
Standard, der bei der Schulauswahl eine Rolle spielen sollte, ist
das Zertifikat der World Federation of Occupational Therapists (WFOT).
«Clevererweise achten diejenigen auf das Zertifikat, die später
einmal im Ausland arbeiten wollen», rät Lindner. Für die Qualität
der Lehre bürgt laut Baumgarten sonst auch das DVE-Zertifikat. Die
Ausbildung an sich ist bundesweit einheitlich geregelt. Nicht nur
ureigene ergotherapeutische Behandlungsverfahren werden vermittelt.
Als erstes stehen neben medizinischen Grundlagen wie Gesundheits-
oder Arzneimittellehre auch Pädagogik oder Psychologie auf dem
Lehrplan. Nach der Ausbildung können sich Ergotherapeuten per
Fachhochschulstudium zum Beispiel zum Diplom-Ergotherapeuten
fortbilden. Wer Abitur hat, kann den FH-Abschluss auch zeitgleich
mit der Schulausbildung machen. Master-Studiengänge werden häufig im
benachbarten Ausland angeboten. «Beim Studium geht es
Ergotherapeuten vor allem darum, die Wirkungsweise der
Behandlungsmethoden wissenschaftlich zu belegen», sagt Baumgarten.
Die meisten Ergotherapeuten arbeiten als Angestellte. Ihr Einkommen
richtet sich häufig nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen
Dienst (TVöD). Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit verdient
ein Berufsanfänger in der Entgeltgruppe 6 monatlich mindestens 1764
Euro brutto, 1658 Euro in Ostdeutschland. In dieser Gruppe bieten
sich Entwicklungsmöglichkeiten bis rund 2300 Euro. Einkommen werden
aber auch unabhängig von Tarifverträgen vereinbart - vor allem in
Praxen. Dort werden laut DVE trotz Budgetierungen im
Gesundheitsbereich immer noch neue Arbeitsplätze geschaffen. Thomas
kommt seinem Ziel immer näher: Bis zu seiner Einschulung will er es
schaffen, 45 Minuten aufmerksam zu bleiben. Nach 30 Sitzungen kann
er sich nun bereits 20 Minuten am Stück konzentrieren. «Ganz ohne
Medikamente», sagt Simone Baumgarten. |
*TIPP* |
||
|
|
|||
|
Wie werde ich ... |
|
||
|
|
|
||
|
zurück
|
|
|
||
|
|||